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Migration und Zivilgesellschaft als Entwicklungsfaktoren im regionalen Kontext – Fünftes Studiengruppentreffen der WAI-ZEI Kooperation

Migration und Zivilgesellschaft als Entwicklungsfaktoren im regionalen Kontext – Fünftes Studiengruppentreffen der WAI-ZEI Kooperation

Der Vorsitzende des WAI-Aufsichtsrates, Jose Brito, beim Interview mit verschiedenen kap verdischen Medienvertretern.

„Die Ebola-Krise reflektiert einmal mehr die großen Governance-Mängel in ganz Afrika und macht integrierte Antworten auf regionaler Ebene wichtiger denn je. Aus dem erstmaligen Ausbruch vor über 30 Jahren, wurden bis heute keine entsprechenden Konsequenzen gezogen.“ Mit diesen deutlichen Worten begrüßte der Vorsitzende des WAI-Aufsichtsrates und ehemalige Außenminister von Cabo Verde, Jose Brito, die Teilnehmer des fünften Studiengruppentreffens im Rahmen der WAI-ZEI Forschungskooperation, das vom 8. bis 9. September 2014 im Außenministerium von Cabo Verde in Praia stattfand. Die derzeitige Ebolaepidemie hatte aufgrund einer Grenzschließung von Cabo Verde die Teilnehmerzahl reduziert. Im Zeichen dieser Krise, wurden die ebenfalls damit verknüpften Potenziale und Probleme im Bereich von Migration und zivilgesellschaftlichem Engagement von renommierten Wissenschaftlern und Praktikern aus beiden Regionen diskutiert. Erstmals wurden auch Forscher per Videolink zugeschaltet. Damit wurden auch Möglichkeiten des Einsatzes moderner Kommunikationsmethoden im Bereich von Bildung und Forschung in Westafrika unter Beweis gestellt, mit denen bestehende Infrastrukturschwächen überwunden werden können. Diese Thematik wird in einem weiteren Workshop im Rahmen des vom BMBF finanzierten WAI-CEDIR Fellowships zum Zusammenhang von Hochschulbildung und regionaler Integration Ende September noch einmal im Detail debattiert.

Die Generaldirektorin des WAI, Prof. Djénéba Traoré verwies in Ihrer Begrüßung zum 5. Studiengruppentreffen auf die bisherigen Ergebnisse des WAI-ZEI Projektes und stellte zahlreiche neue WAI Publikationen vor.

Im Anschluss widmeten sich die Präsentationen des WAI-ZEI Workshops im ökonomischen Forschungsbereich den Auswirkungen intra-regionaler Migration auf die regionalen Arbeitsmärkte in Westafrika. Aufgrund des Datenmangels wurde empfohlen ein Migrationsinformationssystem einzuführen. Die Experten betonten ebenso, dass es notwendig ist, Sprachbarrieren durch gezielte, frühe Ausbildung zu überwinden. Außerdem, so der Tenor, müssten die Verantwortlichen das Grenzmanagement in Westafrika nicht als Kontrolle sondern vor allem als Sicherheitsdienstleistung für Bürger im Rahmen des freien Personenverkehrs in der ECOWAS-Zone verstehen. Dafür sei jedoch ein tiefgreifender Bewusstseinswandel nötig.

Im Rahmen einer weiteren Arbeitseinheit wurden die Potenziale und Auswirkungen von internationalen Rücküberweisungen von Migranten und Mitgliedern der Diaspora in ihre Heimatländer diskutiert. Um das Potenzial dieser Rücküberweisungen als Quelle für Armutsminderung und Investitionen besser nutzen zu können, hat die Afrikanische Union kürzlich ein Institut für Rücküberweisungen („African Institute for Remittances“, AIR) aufgebaut, deren bisherige Erfahrungen ebenfalls in die Konferenz eingebracht wurden. Prof. Matthias Lücke vom Kieler Institut für Weltwirtschaft betonte in seinem Vortrag, wie wichtig es ist, Migration zielgerichtet zu erleichtern sowie internationale Bildungs-, Renten- und Gesundheitssysteme kompatibel zu gestalten, da so illegale Migration und „Brain Drain“ vermieden werden kann. Um die Rückkehr von Migranten in ihre Heimatländer zu erleichtern (zirkuläre Migration) müssen zudem die Bedingungen vor Ort verbessert werden.

Im politikwissenschaftlichen Forschungsbereich ging ZEI-Direktor Prof. Ludger Kühnhardt zunächst in einem historischen Rückblick 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges auf die Lehren dieser Urkatastrophe und auf deren Auswirkungen auf die Entwicklung eines regionalen Bewusstseins ein. Gleichzeitig betonte er, dass - angesichts der derzeitigen weltweiten Konflikte - diese Lehren immer wieder unter Druck stehen und es daher eines überzeugten Einsatzes für die regionale Idee unter demokratischen Vorzeichen erfordere. Dass dabei die Zivilgesellschaft sowie kulturelle Faktoren ebenfalls einen wichtigen Beitrag leisten können wurde in den folgenden Beiträgen deutlich. Nana Afadzinu vom „West African Civil Society Institute“ (WACSI) in Ghana unterstrich, dass zivilgesellschaftliche Akteure, von Studentengruppierungen bis zu Gewerkschaften von jeher wichtige Antriebsfaktoren des westafrikanischen Integrationsprozesses gewesen sind.  Dies gilt gerade auch für das Engagement von NGOs und Frauenorganisationen im Bereich Frieden und Sicherheit. Gleichzeitig ging sie selbstkritisch darauf ein, dass der reale politische Einfluss dieser transnationalen Akteure letztendlich aufgrund von Kapazitäts- aber auch Organisationsmängeln begrenzt ist und daher viele Potenziale ungenutzt bleiben. Prof. Stefan Fröhlich von der Universität Erlangen-Nürnberg wies in seinem Vortrag darauf hin, dass auch in Europa die Rolle der Zivilgesellschaft erst nach der Epochenwende 1989/90 stärker in den Vordergrund trat. Deren bis heute oft kritische oder gar negative Haltung gegenüber der Europäischen Integration ist auch darauf zurückzuführen, dass eine große Distanz zwischen EU-Institutionen und der europäischen Zivilgesellschaft wahrgenommen wird. Dies spiegelte sich zum Beispiel in der Ablehnung der Europäischen Verfassung wieder. Vor diesem Hintergrund könne, so der Experte, auch Europa von der „bottom-up“ Entwicklung des zivilgesellschaftlichen Engagements in Westafrika seit den 90ers Jahre lernen.

Prof. Abderrahmane Ngaidé von der Université Cheick Anta Diop in Dakar, ging darüber hinaus auf die Bedeutung kultureller Vielfalt für regionale Integration in Westafrika ein. Aus seiner Perspektive beweisen die historischen Erfahrungen der Region mit ihren Königreichen und vielfältigen Governance-Formen, dass die perzipierten ethnischen Bruchlinie kein Hindernis im regionalen Integrationsprozess darstellen, sondern auf dem Weg zu einer „ECOWAS of the People“ positiv genutzt werden können.

Abschließend brachte Prof. Manuel Guilherme Junior, Direktor des Centre of Studies on Regional Integration and SADC Law in Maputo, Mosambik, eine weitere vergleichende Perspektive ein. In seiner Präsentation zu den Integrationsherausforderungen im südlichen Afrika wurde erkennbar, dass, während der ECOWAS-Verbund  vor kurzem eine Zollunion beschloss, diese in der -Region der Southern African Development Community  (SADC) vor allem an der Mehrfachmitgliedschaft seiner Mitgliedstaaten scheitert. Vor diesem Hintergrund wird dort nun die Bildung eines trilateralen Freihandelsabkommens angestrebt, welches nicht nur SADC, sondern auch die Mitglieder des „Common Market of Eastern and Southern Africa“ (COMESA) und der „East African Community“ (EAC) umfassen soll.

Der Workshop war Teil des Forschungs-und Beratungsprojekt "Nachhaltige regionale Integration in Westafrika und Europa", eine Kooperation zwischen ZEI und WAI. Das gemeinsame Forschungs- und Kooperationsprojekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in den Jahren 2012 bis 2016 als eines der Leuchtturmprojekte zum Thema Bildung und Transformation im Rahmen der Afrikastrategie des Ministeriums finanziert. Der nächste Workshop findet im März 2015 statt.

Die Paper der Konferenz werden im Anschluss als WAI-ZEI Paper veröffentlicht. Bis jetzt stehen neunzehn WAI-ZEI Paper, darunter zwei dreisprachige Sammelbände, und drei Regional Integration Observer (RIO) zum Download bereit. Weitere Aspekte des Projekts sind die Einrichtung einer WAI Bibliothek in Praia und die Einrichtung eines speziellen Master-Programms in regionaler Integration in Afrika in Zusammenarbeit mit der University of Cape Verde (UNI CV). Das Master-Programm stellt einen wichtigen Schritt zur Stärkung der Ausbildungsbildungsmöglichkeiten für wissenschaftlichen und praktisch ausgebildeten Nachwuchs im Bereich der regionalen Integration in ganz Westafrika dar. Es befindet sich derzeit im Prozess der Evaluation in den Gremien der UNI CV.

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